Alternative Proteine

Präzisionsfermentation erklärt: Milchprotein ohne Kuh

Wie Mikroorganismen Molken- und Eiproteine herstellen, was daraus wird und warum diese Produkte in der EU eine Zulassung brauchen.

Kennzahlen auf einen Blick

  • seit 1990fermentatives ChymosinLabersatz für Käse, eine der ersten Anwendungen
  • Novel FoodStatus neuer ProteineZulassung durch EFSA-Bewertung und EU-Kommission
  • MilchAllergen bleibt Allergenidentisches Protein, identisches Allergierisiko

Präzisionsfermentation ist ein Verfahren, bei dem Mikroorganismen wie Hefen oder Schimmelpilze ein ganz bestimmtes Protein herstellen, etwa ein Milcheiweiß. Die Mikroorganismen erhalten dafür den genetischen Bauplan des Proteins, vermehren sich in Fermentationstanks und produzieren es in großen Mengen. Nach der Fermentation wird das Protein von den Zellen getrennt und gereinigt. So entsteht Molken- oder Eiprotein, ohne dass dafür Kühe oder Hühner gehalten werden.

Hier lesen Sie, wie das Verfahren funktioniert, welche Produkte es gibt, wie der Rechtsstand in der EU aussieht und welche offenen Fragen bleiben. Einen Überblick über alle neuen Eiweißquellen gibt der Artikel Was sind alternative Proteine?.

Drei Arten von Fermentation

Fermentation ist eine uralte Technik, und der Begriff steht heute für sehr Verschiedenes. Für das Verständnis hilft eine Unterscheidung in drei Gruppen:

Art Was passiert Beispiele Ergebnis
Traditionelle Fermentation Mikroorganismen verändern ein Lebensmittel Joghurt, Sauerkraut, Tempeh, Sojasauce verändertes Ausgangsprodukt
Biomasse-Fermentation Mikroorganismen wachsen und werden selbst gegessen Mykoprotein, Hefeprotein Pilz- oder Hefemasse als Lebensmittel
Präzisionsfermentation Mikroorganismen bilden ein bestimmtes Molekül Molkenprotein, Kasein, Eiklarprotein, Enzyme gereinigtes Einzelprotein als Zutat

Bei der Präzisionsfermentation ist der Mikroorganismus also nur das Werkzeug. Gegessen wird nicht die Hefe, sondern das Protein, das sie hergestellt hat. Weitere Grundlagen zu Verfahren der Lebensmittelherstellung finden Sie auf der Themenseite Lebensmitteltechnologie.

So funktioniert das Verfahren

Die Herstellung läuft in vier Schritten:

  1. Bauplan einsetzen: Forschende übertragen die Gensequenz des gewünschten Proteins in einen Produktionsorganismus, häufig Hefen wie Komagataella phaffii (früher Pichia pastoris) oder Schimmelpilze wie Trichoderma reesei. Das tierische Ausgangsmaterial wird dafür nicht mehr gebraucht, die Sequenz ist digital bekannt.
  2. Fermentation: Die Mikroorganismen wachsen in Edelstahltanks in einer Nährlösung aus Zucker, Stickstoffquellen und Mineralstoffen. Temperatur, Sauerstoff und pH-Wert werden genau gesteuert.
  3. Abtrennung: Die Mikroorganismen geben das Protein meist in die Nährlösung ab. Die Zellen werden durch Filtration oder Zentrifugation abgetrennt.
  4. Reinigung und Trocknung: Das Protein wird konzentriert, gereinigt und meist zu Pulver getrocknet. Als Zutat geht es an Hersteller von Käse, Eis, Backwaren oder Getränken.

Das Grundprinzip ist nicht neu. Insulin für Diabetiker wird seit den 1980er-Jahren auf diese Weise hergestellt. In der Lebensmittelherstellung ist Chymosin das bekannteste Beispiel: Das Enzym, das Milch für die Käseherstellung gerinnen lässt, stammte früher aus Kälbermägen. Heute wird ein großer Teil weltweit fermentativ gewonnen. Auch viele andere Enzyme, Vitamine und Aromen entstehen so.

Welche Proteine hergestellt werden

Für Lebensmittel stehen vor allem Proteine im Mittelpunkt, die in tierischen Produkten Funktion und Geschmack bestimmen:

  • Beta-Lactoglobulin: das wichtigste Molkenprotein, wird für Eis, Frischkäse, Proteinpulver und Getränke eingesetzt.
  • Kasein: das Hauptprotein der Milch und entscheidend für Käse, weil es beim Gerinnen das typische Netz bildet. Technisch ist es schwieriger herzustellen als Molkenprotein.
  • Ovalbumin und weitere Eiklarproteine: sollen in Backwaren und Süßwaren das Hühnerei ersetzen, etwa als Schaumbildner.
  • Hämprotein: ein eisenhaltiges Protein, das pflanzlichem Fleischersatz Farbe und einen fleischähnlichen Geschmack geben soll.

Häufig werden diese Proteine nicht allein verwendet, sondern mit pflanzlichen Zutaten kombiniert. Ein Frischkäse kann etwa aus Pflanzenfett, Zucker, Stabilisatoren und einem kleinen Anteil fermentativ hergestellten Molkenproteins bestehen. Fachleute sprechen dann von Hybridprodukten. Der Anteil des neuen Proteins ist oft gering, prägt aber Textur und Mundgefühl.

Der Vorteil gegenüber pflanzlichen Proteinen liegt in der Funktion. Ein Käse aus Erbsenprotein schmilzt und dehnt sich anders als ein Käse mit Kasein. Mit dem identischen Protein lassen sich Eigenschaften erreichen, die rein pflanzlich kaum möglich sind.

Rechtsstand in der EU

Proteine aus Präzisionsfermentation, die es vorher nicht in dieser Form in der Ernährung gab, gelten in der EU in der Regel als neuartige Lebensmittel. Sie brauchen eine Zulassung nach der Novel-Food-Verordnung (EU) 2015/2283. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) prüft dabei unter anderem:

  • die Identität und Reinheit des Proteins im Vergleich zum tierischen Vorbild,
  • mögliche Rückstände aus Produktionsorganismus und Nährlösung,
  • die Allergenität,
  • den Nährwert und die geplanten Verwendungen.

Werden genetisch veränderte Mikroorganismen eingesetzt, stellt sich zusätzlich die Frage, ob das Gentechnikrecht greift. Entscheidend ist, ob im Endprodukt noch Material des veränderten Organismus enthalten ist. Für Enzyme wie Chymosin gilt eine eigene Verordnung über Lebensmittelenzyme.

Mehrere Unternehmen haben Anträge für Milchproteine aus Präzisionsfermentation gestellt. Eine Zulassung für ein solches Milch- oder Eiprotein als Lebensmittelzutat ist nach unserem Kenntnisstand in der EU bisher nicht erteilt worden (Stand Oktober 2026). In den USA dagegen werden solche Proteine seit einigen Jahren in Produkten verkauft, weil das dortige Verfahren anders funktioniert. Wie streng das europäische Verfahren bei tierischen Zellkulturen ist, zeigt der Beitrag zur Zulassung von kultiviertem Fleisch.

Allergene und Kennzeichnung

Ein Punkt wird oft übersehen: Ein Molkenprotein aus der Hefe ist chemisch dasselbe Molkenprotein wie aus der Kuh. Wer auf Milcheiweiß allergisch reagiert, reagiert in aller Regel auch auf die fermentierte Variante. Für Allergiker ist das die wichtigste Information.

Rechtlich ist die Lage komplizierter, weil die Allergenliste der Lebensmittelinformationsverordnung von „Milch und daraus gewonnenen Erzeugnissen“ spricht. Ein Protein aus Hefe stammt nicht aus Milch. In der Praxis ist zu erwarten, dass die Zulassung einen deutlichen Allergiehinweis vorschreibt. In Ländern, in denen solche Produkte verkauft werden, tragen sie meist Hinweise wie „enthält Milchprotein“, obwohl sie tierfrei sind.

Umgekehrt enthalten diese Proteine keine Laktose und kein Cholesterin, weil beides nicht mitproduziert wird. Für Menschen mit Laktoseintoleranz können sie deshalb eine Alternative sein.

Chancen und offene Fragen

Aspekt Mögliche Vorteile Offene Fragen
Umwelt weniger Fläche und Methan als in der Milchviehhaltung Energiebedarf der Fermentation, Herkunft des Zuckers
Funktion identische Eigenschaften wie das tierische Protein hohe Reinheit nötig, Kasein schwierig
Kosten Produktion unabhängig von Saison und Herdengröße große Anlagen fehlen, Preise noch hoch
Regulierung klar definierte, einzelne Moleküle lange Verfahren, unklare Bezeichnung „Milch“
Akzeptanz tierfrei, laktosefrei Skepsis gegenüber Gentechnik und Hochverarbeitung

Ökobilanzen zu einzelnen Proteinen stammen bisher häufig von den Herstellern selbst. Unabhängige Analysen weisen darauf hin, dass der Vorteil stark von der Energiequelle und dem Zuckerrohstoff für die Nährlösung abhängt. Wird die Fermentation mit Strom aus erneuerbaren Quellen und mit Zucker aus Reststoffen betrieben, fällt die Bilanz besser aus.

Was das für den Einkauf bedeutet

Im deutschen Supermarkt werden Sie neue Milch- oder Eiproteine aus Präzisionsfermentation derzeit nicht finden. Fermentativ hergestellte Zutaten sind aber längst Alltag, etwa Enzyme in Käse und Backwaren oder bestimmte Vitamine. Sollte die erste Zulassung für ein Milchprotein kommen, hilft ein Blick auf die Zutatenliste:

  • Die Bezeichnung des Proteins und der Herstellungsweg stehen im Zutatenverzeichnis.
  • Ein Allergiehinweis zu Milch oder Ei ist wichtig, auch bei tierfreien Produkten.
  • Begriffe wie „tierfrei“ oder „ohne Kuh“ beschreiben die Herkunft, nicht die Allergenfreiheit.

Fazit

Präzisionsfermentation verbindet eine alte Technik mit moderner Biotechnologie: Mikroorganismen produzieren gezielt einzelne Proteine, die mit dem tierischen Vorbild identisch sind. Das Verfahren ist bei Enzymen und Arzneimitteln seit Jahrzehnten etabliert, bei Milch- und Eiproteinen als Lebensmittelzutat in der EU aber noch nicht zugelassen. Wer sich für das größere Bild interessiert, findet auf der Themenseite Alternative Proteine die Einordnung neben Hülsenfrüchten, Insekten und Algen.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Ist Milchprotein aus Präzisionsfermentation vegan?
Es stammt nicht vom Tier, deshalb bezeichnen Hersteller es oft als tierfrei oder vegan. Allerdings wurde der Bauplan einmal von einem Tierprotein abgeleitet, und manche Verbände sehen das kritisch. Eine verbindliche EU-Definition für vegan gibt es bisher nicht, maßgeblich ist die Kennzeichnung des einzelnen Produkts.
Enthält das Endprodukt gentechnisch veränderte Organismen?
In der Regel nicht. Die veränderten Mikroorganismen werden nach der Fermentation abgetrennt, und das gereinigte Protein enthält keine lebenden Zellen mehr. Ob trotzdem Gentechnikrecht greift, hängt davon ab, ob das Produkt aus oder nur mit Hilfe eines genetisch veränderten Organismus hergestellt wurde, und wird im Verfahren geprüft.
Können Menschen mit Laktoseintoleranz solche Produkte essen?
Proteine aus Präzisionsfermentation enthalten keine Laktose, weil der Milchzucker nicht mitproduziert wird. Für Menschen mit Laktoseintoleranz sind sie daher grundsätzlich geeignet, solange das Fertigprodukt keine anderen Milchbestandteile enthält. Bei einer Milcheiweißallergie gilt das nicht.
Wo kann ich solche Produkte kaufen?
In den USA und einigen anderen Ländern sind Eis, Frischkäse oder Proteinpulver mit fermentativ hergestelltem Molkenprotein im Handel. In der EU sind neue Milch- oder Eiproteine aus Präzisionsfermentation nach unserem Kenntnisstand noch nicht zugelassen (Stand Oktober 2026).

Redaktion food2020.eu · zuletzt überarbeitet am 26. Oktober 2026.