Algen als Lebensmittel

Spirulina oder Chlorella: Unterschiede, Nährstoffe, Risiken

Blaualge gegen Grünalge: was die beiden Mikroalgen unterscheidet, was am B12-Versprechen dran ist und welche Risiken es gibt.

Kennzahlen auf einen Blick

  • 55 bis 65 %Eiweiß in getrockneter SpirulinaChlorella meist etwas weniger
  • 3 bis 5 gübliche Tagesmengelaut Verzehrempfehlung vieler Produkte
  • keinezugelassenen Gesundheitsaussagenfür Spirulina und Chlorella in der EU, Stand prüfen

Spirulina und Chlorella sind die beiden bekanntesten Mikroalgen im Handel, unterscheiden sich aber grundlegend: Spirulina ist ein Cyanobakterium, früher Blaualge genannt, Chlorella eine echte einzellige Grünalge mit fester Zellwand. Beide enthalten viel Eiweiß, Eisen und Farbstoffe, werden aber nur in Mengen von wenigen Gramm verzehrt. Keine der beiden ist eine verlässliche Quelle für Vitamin B12, und bei beiden hängt die Qualität vor allem von der Reinheit ab.

Der folgende Vergleich zeigt, was die beiden Mikroalgen liefern, welche Versprechen nicht haltbar sind und worauf Sie beim Kauf achten sollten. Einen breiteren Überblick über Mikro- und Meeresalgen gibt die Themenseite Algen als Lebensmittel.

Herkunft und Aufbau

Spirulina ist der Handelsname für Cyanobakterien der Gattung Arthrospira, vor allem Arthrospira platensis. Sie bilden spiralförmige Fäden, daher der Name. In der Natur kommen sie in warmen, alkalischen Seen vor. Für den Handel wachsen sie in offenen Becken oder geschlossenen Röhrensystemen, werden abgeschöpft, getrocknet und zu Pulver oder Tabletten verarbeitet. Weil Cyanobakterien keine echte Zellwand aus Zellulose haben, ist Spirulina gut verdaulich.

Chlorella ist eine einzellige Grünalge, meist Chlorella vulgaris oder Chlorella pyrenoidosa. Sie hat eine feste Zellwand, die der Mensch kaum verdauen kann. Für Lebensmittel wird diese Wand deshalb mechanisch aufgebrochen, im Handel als „gebrochene Zellwand“ bezeichnet. Chlorella wächst in Becken oder in geschlossenen Fermentern, teils auch ohne Licht mit Zucker als Nährstoff.

Beide werden seit Jahrzehnten gegessen. Nach bisherigem Verständnis gelten die gängigen Arten deshalb in der EU nicht als neuartiges Lebensmittel. Neu entwickelte Arten oder Extrakte können dagegen eine Novel-Food-Zulassung brauchen.

Nährstoffe im Vergleich

Die folgenden Werte sind typische Spannen für getrocknetes Pulver. Je nach Stamm, Nährlösung, Erntezeitpunkt und Trocknung weichen einzelne Produkte ab.

Merkmal Spirulina Chlorella
Biologische Einordnung Cyanobakterium Grünalge
Farbe blaugrün (Phycocyanin) sattgrün (viel Chlorophyll)
Eiweiß je 100 g Pulver etwa 55 bis 65 g etwa 45 bis 60 g
Zellwand weich, gut verdaulich fest, muss aufgebrochen werden
Eisen hoch hoch, schwankend
Vitamin K gering bis mittel hoch
Vitamin B12 überwiegend Pseudo-B12 wechselnd, nicht verlässlich
Jod meist gering meist gering
Geschmack erdig, leicht nach Meer grasig, kräftig

Die hohen Eiweißwerte wirken eindrucksvoll, doch übliche Verzehrempfehlungen liegen bei wenigen Gramm am Tag. Drei Gramm Spirulina liefern weniger als zwei Gramm Eiweiß, also deutlich weniger als ein Ei. Als Eiweißquelle spielen Mikroalgen in diesen Mengen keine Rolle. Ihre Stärke liegt eher bei Farbstoffen, Eisen und als färbende Zutat in Lebensmitteln.

Der B12-Mythos

Spirulina wird oft als pflanzliche Vitamin-B12-Quelle beworben, gerade für Menschen, die vegan leben. Untersuchungen zeigen aber, dass der größte Teil davon Pseudo-Vitamin B12 ist, eine chemisch ähnliche Form, die beim Menschen nicht wirkt. Sie kann bei Bluttests sogar den Eindruck einer guten Versorgung erwecken, obwohl ein Mangel besteht.

Bei Chlorella sind die Ergebnisse uneinheitlich. Einige Produkte enthielten in Untersuchungen nennenswerte Mengen der wirksamen Form, andere kaum. Der Gehalt hängt vermutlich von Bakterien in der Kultur ab und ist nicht steuerbar.

Die Konsequenz für die Praxis ist eindeutig: Wer vegan lebt, sollte Vitamin B12 über ein Präparat oder über angereicherte Lebensmittel zuführen und den Status regelmäßig ärztlich kontrollieren lassen. Weder Spirulina noch Chlorella ersetzen das.

Mögliche Risiken

Die meisten gesunden Erwachsenen vertragen übliche Mengen gut. Es gibt aber einige Punkte, die Sie kennen sollten.

Verunreinigungen

Das größte Risiko liegt nicht in der Alge selbst, sondern in dem, was mitwachsen oder sich anreichern kann:

  • Microcystine: Giftstoffe anderer Cyanobakterien, die in offenen Becken als Verunreinigung auftreten können. Sie können die Leber schädigen.
  • Schwermetalle: Blei, Cadmium, Quecksilber und Arsen können sich je nach Wasserqualität anreichern.
  • Mikrobiologische Belastung: Bei mangelhafter Hygiene während Ernte und Trocknung.
  • Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe: In einzelnen Untersuchungen in getrockneten Algenprodukten gefunden, wahrscheinlich aus dem Trocknungsprozess.

Lebensmittelüberwachung und Verbraucherorganisationen haben bei Kontrollen von Algenprodukten wiederholt einzelne belastete Proben gefunden. Das spricht nicht gegen Mikroalgen an sich, wohl aber für sorgfältige Auswahl.

Wechselwirkungen und Gegenanzeigen

  • Vitamin K in Chlorella: Wer Gerinnungshemmer vom Typ der Vitamin-K-Antagonisten nimmt, etwa Phenprocoumon, sollte Chlorella nur nach ärztlicher Rücksprache verwenden, weil Vitamin K die Wirkung abschwächen kann.
  • Phenylalanin in Spirulina: relevant für Menschen mit Phenylketonurie.
  • Immunsystem: Bei Autoimmunerkrankungen oder Immunsuppression wird zur Vorsicht geraten, weil Algenbestandteile das Immunsystem beeinflussen könnten.
  • Verdauung: Gerade zu Beginn können Blähungen, Übelkeit oder grün gefärbter Stuhl auftreten.

Wer Medikamente nimmt, schwanger ist oder stillt, sollte die Einnahme vorher ärztlich abklären. Die besonderen Risiken von Meeresalgen, vor allem durch Jod und Arsen, beschreibt der Beitrag Algen essen: Jod, Schwermetalle und sichere Mengen.

Spirulina und Chlorella in der Küche

Abseits von Tabletten lassen sich beide Mikroalgen als Zutat verwenden. Spirulina hat sich vor allem als Farbgeber etabliert: Ihr blauer Farbstoff Phycocyanin wird als färbendes Lebensmittel, etwa für Süßwaren, Eis oder Getränke, eingesetzt. Zu Hause genügen kleine Mengen, um einen Smoothie oder einen Teig grün zu färben.

Ein paar Hinweise für die Zubereitung:

  • Mit einem halben Teelöffel beginnen, weil der Geschmack schnell dominiert.
  • Säure und Frucht wie Ananas, Mango oder Zitrone gleichen den erdigen Ton aus.
  • Starke Hitze zerstört einen Teil der Farbstoffe, Spirulina eignet sich deshalb eher für kalte Speisen.
  • Chlorella schmeckt kräftiger und grasiger und passt eher in herzhafte Dips oder grüne Säfte.

Einen nennenswerten Beitrag zur Versorgung mit Eiweiß leisten Mikroalgen auch in der Küche nicht. Sie sind eher eine Zutat für Farbe und Abwechslung.

Was Werbeversprechen dürfen

Spirulina und Chlorella werden in Deutschland meist als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Gesundheitsbezogene Aussagen sind in der EU nur erlaubt, wenn sie in der Liste zugelassener Angaben stehen. Für die Algen selbst ist uns keine solche Aussage bekannt. Erlaubt sein können Aussagen zu einzelnen Nährstoffen, etwa zu Eisen, wenn das Produkt genug davon enthält.

Versprechen wie „entgiftet“, „entsäuert“, „leitet Schwermetalle aus“ oder „stärkt die Abwehr“ sind daher kritisch zu sehen. Ein seriöser Anbieter verzichtet darauf.

Checkliste für den Kauf

  • Herkunft und Produktionsweise sind angegeben, etwa geschlossene Anlage oder kontrollierte Becken.
  • Der Anbieter nennt Laboranalysen auf Schwermetalle und Microcystine, idealerweise je Charge.
  • Bei Chlorella ist die Zellwand aufgebrochen.
  • Die Verzehrempfehlung ist klar angegeben und wird nicht überschritten.
  • Das Produkt hat einen verantwortlichen Hersteller oder Importeur in der EU.
  • Die Werbung kommt ohne Heilversprechen aus.

Spirulina oder Chlorella: Was passt wozu?

Wenn Sie … eher Grund
eine Zutat zum Färben von Smoothies oder Teig suchen Spirulina intensives Blaugrün, mildere Textur
eine gut verdauliche Mikroalge möchten Spirulina keine feste Zellwand
Gerinnungshemmer nehmen keine ohne Rücksprache, besonders nicht Chlorella hoher Vitamin-K-Gehalt
eine B12-Quelle suchen keine B12-Präparat oder angereicherte Lebensmittel
Eiweiß ergänzen wollen keine von beiden in nennenswertem Umfang zu kleine Verzehrmengen

Fazit

Spirulina und Chlorella sind nährstoffreiche Mikroalgen, aber keine Wundermittel. Als Eiweißquelle sind sie in üblichen Mengen unbedeutend, als B12-Quelle unzuverlässig. Wer sie verwenden möchte, achtet vor allem auf geprüfte Reinheit und auf mögliche Wechselwirkungen. Wie sich Algen allgemein in das Feld neuer Eiweißquellen einordnen, zeigt der Überblick Was sind alternative Proteine?.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Kann Spirulina Vitamin B12 bei veganer Ernährung ersetzen?
Nein. Der größte Teil des B12 in Spirulina ist sogenanntes Pseudo-Vitamin B12, das der menschliche Körper nicht nutzen kann. Es kann sogar Laborwerte verfälschen. Wer vegan lebt, braucht ein zuverlässiges B12-Präparat oder angereicherte Lebensmittel.
Ist Chlorella zur Entgiftung geeignet?
Für eine entgiftende Wirkung beim Menschen gibt es keine ausreichenden Belege, und in der EU ist keine entsprechende Gesundheitsaussage zugelassen. Der Körper scheidet Stoffwechselprodukte über Leber und Nieren aus. Werbung mit Entgiftung oder Ausleitung von Schwermetallen ist deshalb mit Vorsicht zu lesen.
Wer sollte auf Spirulina verzichten?
Menschen mit Phenylketonurie, weil Spirulina Phenylalanin enthält, sowie Menschen mit Autoimmunerkrankungen oder unter immunsuppressiver Behandlung sollten Spirulina nur nach ärztlicher Rücksprache nehmen. Auch in Schwangerschaft, Stillzeit und bei Kindern gilt: lieber ärztlich abklären.
Wie viel Jod enthalten Spirulina und Chlorella?
In der Regel wenig, deutlich weniger als Meeresalgen wie Kombu oder Wakame, weil beide meist in Süßwasser- oder Salzwasserbecken mit kontrollierter Nährlösung wachsen. Der Gehalt kann aber je nach Herkunft schwanken, ein Blick auf die Produktangaben lohnt sich.

Redaktion food2020.eu · zuletzt überarbeitet am 26. Oktober 2026.